Kein anderer Abschnitt der Überquerung wechselt so oft das Gestein und den Charakter. Was Du unterwegs durchquerst — und warum sich jeder Wechsel anders anfühlt:
Berchtesgadener Alpen
Kalk, wohin Du schaust: Die ersten drei Tage gehören einer der markantesten Kalkgebirgsgruppen der Ostalpen — mit dem fjordartig eingeschnittenen Königssee tief unten und dem Nationalpark, der diesen Kernbereich seit 1978 schützt. Das Steinerne Meer ist mit rund 100 km² der ausgedehnteste Gebirgsstock der Gruppe, eine Karsthochfläche, unter der tiefe Höhlen liegen. Und die Gegend hat Alpingeschichte geschrieben: Johann Grill, der Kederbacher aus der Ramsau, durchstieg 1881 als Erster die Watzmann-Ostwand — und war der Erste, der in Deutschland offiziell Gäste auf die Berge führen durfte.
Salzburger Grasberge
Zwischen Steinernem Meer und Tauern wechselt das Gebirge den Charakter: Die Salzburger Grasberge sind sanft gerundete Rücken mit langen, flachen Kämmen — geologisch eine Kuriosität, die sich weder den Nord- noch den Zentralalpen zuordnen lässt. Die niederschlagsreiche Nordstaulage macht sie üppig grün: über 2.500 Pflanzenarten, gelebte Almwirtschaft, und Wege, die über Wiesenrücken statt über Fels führen.
Hohe Tauern
Mit dem Rauriser Tal betrittst Du das geografische Zentrum der Ostalpen — und ein anderes Gestein: dunkler Gneis und Schiefer statt hellem Kalk. Der Nationalpark Hohe Tauern ist mit 1.836 km² das größte Schutzgebiet der Alpen, und mit der Glockner-Erstbesteigung von 1800 begann hier der Alpinismus der Ostalpen. Die Überquerung zeigt Dir die stille Seite der Tauern — Goldberggruppe statt Gletscherstraßen, Bergbau-Geschichte statt Ausflugsverkehr.
Kreuzeckgruppe
Das Finale der Woche gehört einem Gebiet, das Kenner das „Imperium der Stille“ nennen: keine berühmten Dreitausender, keine Gletscher — und genau deshalb blieb es leer. In das 605 km² große Gebiet führt bis heute keine Straße und keine Seilbahn in Hüttennähe, die fünf Schutzhütten — darunter die Feldnerhütte, auf der diese Etappe Station macht — sind nur zu Fuß erreichbar. Von den Kämmen reicht der Blick über das Drautal auf die Gailtaler und dahinter die Karnischen Alpen — die Ketten, die Deinen Weg nach Süden schon vorzeichnen. Einsamer endet keine Tauern-Woche.