Alpine Welten

Notruf ohne Empfang — Satellitenkommunikation am Berg

Ein Notruf braucht eine Verbindung. Die fehlt am Berg häufiger, als Du denkst — nicht erst im Himalaya, sondern schon im Berchtesgadener Land.

Illustration der Rettungskette beim Satellitennotruf: Ein Bergführer kniet neben einer verletzten Person im Biwaksack und setzt mit einem Satellitengerät einen Notruf ab. Das Signal geht über einen Satelliten an die Notrufzentrale im Tal, von dort startet die Bergrettung mit dem Hubschrauber.

Wo das Netz aufhört

Mobilfunklöcher sind kein Expeditionsthema. Auf einer Wanderung im Berchtesgadener Land reißt die Verbindung ab, über längere Passagen in der Schweiz ebenso. Verunglückt dort jemand, zählt nur, was die Gruppe selbst dabeihat.

Für uns Guides heißt das: Die Alarmierung liegt bei uns, und sie entscheidet sich in Minuten, nicht in Stunden. Hängt der Notruf, hängt alles Weitere mit — die Ortung, der Hubschrauber, die Übergabe an die Rettungskette.

Drei Fälle, die uns nicht losgelassen haben

In den vergangenen Jahren hatten wir drei Unfälle, bei denen der Notruf erst mit erheblicher Verzögerung abgesetzt werden konnte. Alle drei sind gut ausgegangen.

Genau das war das Unbehagen. Auf gutes Ausgehen lässt sich kein Sicherheitskonzept bauen. Drei Fälle sind keine Häufung, aber sie sind ein Muster. Ein Muster, das wir kennen und nicht angehen, geht irgendwann auf Kosten der Gesundheit unserer Gäste, im schlimmsten Fall auf Kosten ihres Lebens. Das ist kein Restrisiko, das wir einfach hinnehmen. Deshalb haben wir die Alarmierung zu einem eigenen Thema gemacht — Ausrüstung, Schulung und die Frage, was auf welcher Tour trägt.

Was ein inReach kann

Das Garmin inReach funkt nicht über Mobilfunk, sondern über das Iridium-Satellitennetz. Das deckt die gesamte Erdoberfläche ab — auch dort, wo kein Mast mehr steht. Damit lassen sich zwei Dinge tun, auf die es im Ernstfall ankommt: einen SOS-Ruf an eine rund um die Uhr besetzte Notrufzentrale absetzen und die eigene Position übermitteln.

Der zweite Teil ist der unterschätzte. Ohne Koordinate muss die Rettung suchen, mit Koordinate fliegt sie direkt an. Dazu kommt die Möglichkeit, in beide Richtungen Nachrichten zu schreiben — die Leitstelle kann rückfragen, statt zu raten.

Tragbares Garmin-Navigationsgerät mit Kartendarstellung, Messaging-Funktion und SOS-Notfallkontakt-Display
Garmin Fenix Pro am Handgelenk mit digitalem Display
Was nach dem Auslösen passiert

Ein SOS vom inReach geht nicht an die 112, sondern an eine rund um die Uhr besetzte Notrufzentrale. Die sieht sofort die Position und nimmt über dasselbe Gerät Kontakt auf — sie kann also nachfragen, statt zu raten: Wie viele Personen, welche Verletzung, wie ist das Wetter am Standort.

Erst danach alarmiert die Zentrale die zuständige Rettungsorganisation vor Ort und bleibt als Vermittler dazwischen. Du musst dafür weder die richtige Landesnummer kennen noch die Landessprache sprechen — beides Dinge, die auf einer Reise durch mehrere Länder sonst zum Problem werden.

Warum Satellit und nicht Mobilfunk

Das inReach funkt über das Iridium-Netz: 66 aktive Satelliten auf sechs Umlaufbahnen, dazu Reservesatelliten. Weil die Bahnen über die Pole führen, deckt das Netz die gesamte Erdoberfläche ab — auch Grönland, Spitzbergen und die Antarktis, wo kein Mobilfunkmast steht.

Eine Randnotiz für Technikfreunde: Ursprünglich waren 77 Satelliten geplant. Daher der Name — Iridium ist das chemische Element mit der Ordnungszahl 77.

Der alpine Notruf ohne Gerät

Auch ohne Satellitengerät bist Du nicht hilflos. Das alpine Notsignal ist international vereinbart: sechsmal pro Minute ein hör- oder sichtbares Zeichen, dann eine Minute Pause, dann von vorn. Rufen, Pfeifen oder mit der Stirnlampe blinken.

Die Antwort lautet dreimal pro Minute — daran erkennst Du, dass Dein Signal angekommen ist.

Und die Nummern, die Du im Kopf haben solltest: 112 europaweit, 140 für den Alpinnotruf in Österreich, 1414 für die Rega in der Schweiz.

Wie wir unsere Guides schulen

Ein Gerät im Rucksack ist noch kein Konzept. Deshalb schulen wir unsere Guides regelmäßig gemeinsam mit Garmin: Funktionsweise des inReach, die nötigen Abos, und vor allem die Frage, was nach dem Auslösen tatsächlich passiert — damit im Ernstfall die Handgriffe sitzen.

Wir wiederholen das nicht, weil sich die Technik so schnell ändert, sondern weil eine Notfallroutine nur sitzt, wenn sie regelmäßig geübt wird. Im Ernstfall darf niemand erst überlegen, welcher Knopf welcher ist.

Die Entscheidung liegt beim Guide

Die Alarmierung ist Sache des Guides, und sie ist keine Frage der Ausrüstungsliste. Zur Vorbereitung einer Tour gehört: Welche Verbindung trägt in diesem Gebiet, welche Notrufnummer gilt in diesem Land, wo steht die nächste bewirtschaftete Hütte — und was tun wir, wenn nichts davon zur Verfügung steht.

Ein Satellitengerät ist eines von mehreren Mitteln, nicht das einzige und nicht immer das richtige. Wo Mobilfunk trägt, ist das Telefon schneller. Auf einer bewirtschafteten Hütte gibt es Festnetz oder Funk. Steht nichts davon zur Verfügung, bleibt das alpine Notsignal — international vereinbart und ohne Strom zu geben.

Welches Mittel auf welcher Tour trägt, hängt vom Gelände ab, vom Land und von der Gruppe. Diese Einschätzung trifft der Guide vor Ort. Sie lässt sich weder an ein Gerät noch an eine allgemeine Regel abgeben, und genau deshalb üben wir sie.

Warum wir das mit Garmin machen

Weil die Zusammenarbeit in beide Richtungen geht. Garmin hat für den eigenen Kanal zwei Filme mit uns gedreht — einen über den Einsatz der inReach-Technologie auf Polarexpeditionen, einen über Trekking-Expeditionen. Vor der Kamera standen Hans Honold, bei uns Bergführer und Beauftragter für Fernreisen und Expeditionen, und Oliver Schulz, der bei uns Trekking und Expeditionen betreut. Gedreht wurde dort, wo die Geräte tatsächlich gebraucht werden, nicht im Studio.

Deshalb nennen wir Garmin einen Partner und keinen Lieferanten: Sie schulen unsere Guides und drehen mit ihnen dort, wo die Technik gebraucht wird. Mehr über unsere Partner

Was das für Gäste bedeutet

Du musst nichts mitbringen. Wie ein Notruf auf Deiner Tour abgesetzt würde, gehört zur Vorbereitung Deines Guides — und die Antwort fällt je nach Gelände anders aus.

Wenn Dich interessiert, wie das auf Deiner Tour aussieht: frag Deinen Guide danach. Er beantwortet es Dir gern, und die Frage ist ein guter Anfang für das Gespräch über das Gelände, in das ihr geht.

Bergführer Hans Honold spricht im Gebirge über ein Funkgerät

Geschrieben von

Hans Honold

CEO · Polarregionen

Veröffentlicht am 29.08.2026 · Lesezeit: 4 min