Alpine Welten
Büßereis vor der Steilwand des Rebmanngletschers am Kilimandscharo

Vom Gerücht zum Gipfel

Vier Stationen zwischen dem ersten Bericht über Schnee am Äquator und dem Namen, den der Gipfel heute trägt.

1848

Rebmann sieht Schnee am Äquator

In Europa glaubt ihm niemand: Gletscher am Äquator gelten als Hirngespinst — die Debatte zieht sich über Jahrzehnte.

1887 & 1888

Zwei gescheiterte Versuche

Hans Meyer kehrt zweimal um — beim ersten Mal fehlt die Ausrüstung, beim zweiten stehen politische Konflikte in Deutsch-Ostafrika im Weg.

6. Oktober 1889

Der Gipfel

Hans Meyer, Ludwig Purtscheller und Lauwo erreichen den höchsten Punkt des Kibo. Er heißt damals „Kaiser-Wilhelm-Spitze“.

seit 1961

Uhuru Peak

Mit der Unabhängigkeit Tansanias bekommt der Gipfel seinen heutigen Namen: Uhuru — Suaheli für Freiheit.

Die Geschichte der Erstbesteigung des Kilimanjaro

Hintergrund: Der „Weiße Berg Afrikas“

Der Kilimanjaro, mit 5.895 Metern der höchste Berg Afrikas, erhebt sich majestätisch im Nordosten Tansanias. Sein markanter, schneebedeckter Gipfel faszinierte schon im 19. Jahrhundert europäische Forscher und Missionare. Berichte über einen „Berg mit ewigem Schnee mitten in Afrika“ stießen zunächst auf Skepsis, da man sich in Europa nicht vorstellen konnte, dass es am Äquator Gletscher geben könnte.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts zog der Kilimanjaro zunehmend Reisende, Abenteurer und Forscher an. Unter ihnen war auch der deutsche Missionar Johannes Rebmann, der 1848 als einer der Ersten von den Schneefeldern des Kilimanjaro berichtete. Seine Schilderungen wurden in Europa jedoch lange angezweifelt. Erst spätere Expeditionen bestätigten seine Beobachtungen.

Die Expedition von Hans Meyer und Ludwig Purtscheller (1889)

Die eigentliche Erstbesteigung gelang im Jahr 1889 durch ein deutsch-österreichisches Team:

Hans Meyer, ein deutscher Geograf und Forschungsreisender aus Leipzig, hatte schon 1887 und 1888 versucht, den Kilimanjaro zu besteigen, war jedoch beide Male gescheitert – einmal wegen unzureichender Ausrüstung und ein weiteres Mal aufgrund politischer Konflikte in Deutsch-Ostafrika.

Ludwig Purtscheller, ein erfahrener Alpinist aus Österreich, wurde für die Expedition hinzugezogen. Er war ein Pionier im alpinen Bergsteigen und brachte das technische Können mit, das für die Besteigung entscheidend war.

Unterstützt wurden sie von einheimischen Trägern, darunter der berühmte Führer Lauwo, der noch Jahrzehnte später als „erster afrikanischer Bergführer“ des Kilimanjaro geehrt wurde.

Um Unruhen an der Küste auszuweichen, zog die Expedition von Mombasa zu Fuß durch britisches Gebiet ins Landesinnere. Bis zum Fuß des Berges brauchte sie rund zwei Wochen. Der eigentliche Aufstieg begann am 27. September 1889 in der Region Moshi, über die Marangu-Route. In immer größerer Höhe errichteten sie Lager, um sich an die dünne Luft zu gewöhnen. Am 5. Oktober 1889 schlugen sie das letzte Hochlager auf. Am 6. Oktober erreichten Meyer, Purtscheller und Lauwo schließlich den höchsten Punkt des Kibo-Massivs – die damalige „Kaiser-Wilhelm-Spitze“, den heutigen Uhuru Peak.

Damit war die Erstbesteigung des Kilimanjaro gelungen – ein Meilenstein in der europäischen Entdeckungsgeschichte Afrikas.

Bedeutung und Nachwirkung

Die Erstbesteigung hatte mehrere Dimensionen:

Wissenschaftlich: Meyer dokumentierte die geologischen und klimatischen Besonderheiten des Kilimanjaro und lieferte damit wertvolle Erkenntnisse über die tropischen Hochgebirge.

Kolonialgeschichtlich: Der Erfolg wurde im damaligen Deutschen Kaiserreich propagandistisch ausgeschlachtet, da Deutsch-Ostafrika (das heutige Tansania) eine deutsche Kolonie war. Die Benennung des Gipfels als „Kaiser-Wilhelm-Spitze“ unterstrich diesen Anspruch.

Alpinistisch: Die Besteigung markierte einen Meilenstein des Bergsports außerhalb der Alpen und leitete eine Ära des internationalen Expeditionsbergsteigens ein.

Kulturell: Für die lokale Bevölkerung war der Berg seit jeher heilig. Die europäischen Expeditionen veränderten die Wahrnehmung des Kilimanjaro nachhaltig, zugleich wurden einheimische Träger wie Lauwo selbst zu Symbolfiguren.

Spätere Entwicklungen

Mit der Unabhängigkeit Tansanias am 9. Dezember 1961 wurde die Kaiser-Wilhelm-Spitze in Uhuru Peak umbenannt (Suaheli für „Freiheit“). Heute ist der Kilimanjaro ein Symbol für afrikanische Unabhängigkeit, Stolz und Naturwunder. Jährlich versuchen zehntausende Bergsteigerinnen und Bergsteiger aus aller Welt, den Gipfel zu erreichen – oft auf den Routen, die schon Meyer und Purtscheller nutzten.

Zusammenfassung: Die Erstbesteigung des Kilimanjaro am 6. Oktober 1889 durch Hans Meyer, Ludwig Purtscheller und den afrikanischen Führer Lauwo war das Ergebnis jahrelanger Versuche, Ausdauer und Kooperation zwischen Europäern und Einheimischen. Sie markiert einen Höhepunkt im Bergsport außerhalb der Alpen.

1. Primärquellen & Originalberichte

Hans Meyer (1890): Ostafrikanische Gletscherfahrten. Forschungsreisen im Kilimandscharo-Gebiet. – Meyers eigener Expeditionsbericht mit Karten, Fotos und geologischen Studien. (Digitalisat verfügbar, z. B. über die Bayerische Staatsbibliothek: BSB Digitalisat)

Johannes Rebmann (1849): Account of a Journey to Jagga Country on the Slopes of Kilimanjaro – Erster Missionsbericht über die Sichtung der Schneegipfel. Abgedruckt in den "Church Missionary Papers".

2. Fachliteratur & historische Studien

Daniel J. Cole (2019): Mount Kilimanjaro: To the Roof of Africa. – Übersichtswerk über Geschichte, Geografie und Besteigungsrouten.

Herman, R. (2006): The Aesthetic of Empire: Hans Meyer and Mount Kilimanjaro. In: History and Anthropology, 17(4), S. 349–362. – Analysiert, wie Meyers Besteigung im kolonialen Kontext instrumentalisiert wurde.

Neate, Jill (1989): Mountaineering in the African Ranges. – Umfassende Darstellung zur Geschichte des Bergsteigens in Afrika.

3. Wissenschaftliche Artikel & Analysen

Helmolt, H. F. (1899): History of the World: Volume I – East Africa. – Enthält zeitgenössische Berichte über die „Entdeckung“ und Besteigung.

John Reader (1982): Kilimanjaro. – Historisch fundiertes Werk, das Natur- und Kulturgeschichte verbindet.

Tanzania National Parks (TANAPA): Offizielle Hintergrundinformationen zur Geschichte des Kilimanjaro-Nationalparks. Webseite

4. Moderne Kontexte

UNESCO (1987): World Heritage Nomination – Mount Kilimanjaro National Park. – Detaillierte Angaben zu Natur- und Kulturgeschichte des Berges. – Webseite

National Geographic – Artikel und Dossiers über die Erforschung und Erstbesteigung, oft mit Bildmaterial aus Meyers Expedition.

Auf den Spuren von Meyer und Purtscheller

Der Weg von 1889 führte über Marangu im Südosten. Wir führen heute über fünf andere Routen, jede mit Zeit für die Höhe. Marangu, auch Coca-Cola-Route genannt, ist die kürzeste und lässt zu wenig Zeit zum Akklimatisieren. Dazu laufen Auf- und Abstieg über denselben Weg.

Porträt von Steffi Geiser auf Bergtour

Geschrieben von

Steffi Geiser

Flüge · Fernreisen

Veröffentlicht am 24.09.2026 · Lesezeit: 4 min